Die Geschichte der Baugenossenschaft


Nachdem das unheilvolle Ringen des Ersten Weltkrieges ein Ende nahm, sammelten sich Kriegsheimkehrer und Kriegsversehrte zu ihrer Interessenvertretung zusammen und gründeten im Jahre 1919 den Kriegsbeschädigtenverein München. Bald wurde in den Versammlungen des Vereins, der immer mehr Mitglieder in sich vereinigen konnte, der Wunsch und Gedanke laut, eine eigene Genossenschaft für die wohnliche Versorgung zu gründen. Schon damals herrschte große Wohnungsnot in München, vor allem fehlten in den ärmlichen Nachkriegsjahren bezahlbare Wohnungen für die einfachen Leute.

Also faßte man zu Beginn des Jahres 1919 den mutigen Beschluss, den Bau von Wohnungen selbst in die Hand zu nehmen. Eine Gründungsversammlung fand statt und bereits am 8.Juli 1919 wurde die Genossenschaft unter dem Namen „Bau und Kleinsiedlungsgenossenschaft des Kriegsbeschädigtenvereins eGmbH“ in das Genossenschaftsregister beim Amtsgericht München eingetragen. Damit war unsere Genossenschaft gegründet und die Grundlagen für den Aufbau unserer Siedlung und weitere Wohnungen in München-Schwabing geschaffen. Leider liegen von diesen Ereignissen keine Protokolle oder sonstige Unterlagen vor, so dass gesicherte Angaben über die Gründungsversammlung und der dabei anwesenden Mitglieder nicht möglich sind. Schade, denn gerade diesen Damen und Herren – damals wohl ausschliesslich Herren – gebührt unsere besondere Anerkennung und unser Dank für diese weitsichtige Entscheidung. Fest steht jedoch, dass aus dem Kreis der Gründungsmitglieder drei Vorstände gewählt wurden: Herr Franz Klingeisen (städtischer Beamter); Herr Hans Maison (Kaufmann) und Herr Max Käß sen. (Schreinermeister). In dieser Reihenfolge wurden die Vorstände in das Genossenschaftsregister eingetragen und waren damit die ersten Repräsentanten unserer Genossenschaft. Von der Schwanthaler-Höhe aus, dem Mittelpunkt der damaligen Aktivitäten, war es nun erste Aufgabe der Vorstandschaft, nach einem geeigneten Bauplatz Ausschau zu halten. Man verhandelte zunächt mit einer Terraingesellschaft, die einen Bauplatz an der Lutzstrasse in München-Laim zum Kauf anbot und bereits die Bebauung dieser Grundstücke geplant hatte. Nach weiteren Überlegungen und Gesprächen wurde der Genossenschaft schliesslich auch ein Grundstück mit 10 Tagwerken (entspricht 34070qm) angeboten. Anbieter war auf Empfehlung der Stadt München der Kafflerbauer.


Der Kafflerbauer besaß viele Grundstücke in Sendling. Er verkaufte zum Beispiel auch eine Schafweide andie katholische Kirche in Sendling. Diese errichtete darauf die Margarethen-Kirche, da die alte Sendlinger Kriche für die Gemeinde zu klein geworden war. Mit dem Ertrag erbaute dann Kaffler ein repäsentatives Wohn,- und Geschäftshaus an der Plinganserstrasse 24-26. Er betrieb darin ein sehr vornehmes und bei den Honoratioren beliebtes Restaurant. Bei großen kirchlichen Feiern war dies ein sehr beliebtes Lokal.


Die Vorstände wägten die Vor,- und Nachteile der angebotenen Grundstücke ab und entschlossen sich zu Kauf des Areals im damals stadtnahen Aussenbereich. Vor allem entsprach es von der Größe her den Vorstellungen der neugegründeten Genossenschaft. Ganz wichtig für die Entscheidung und letztlich auch ausschlaggebend war die Verkehrsanbindung. Das Grundstück war damals bereits durch die Strassenbahnlinie 18 sehr günstig an die Stadt angebunden. Angaben über die genaue Kaufsumme sind nicht dokumentiert. Es ist jedoch überliefert, dass der Betrag sehr hoch und für die Mitglieder nur unter äusserster Entbehrung finanzierbar war. Im Jahre 1920, also bereits ein Jahr nach der Gründung, erfolgte der Spatenstich zum ersten Bauabschnitt. Dieser bestand aus 32 Einfamilienhäusern, jeweils 4 zu einem Block zusammengefasst. Die zügige Bauweise, das Engagement und die Mithilfe der Genossen ermöglichten es, dass bereits Ende 1920 3 Häuser mit 12 Wohnungenbezugsfertig waren. Die restlichen 5 Häuser mit 20 Wohnungen konnten dann im Mai des Folgejahres fertiggestellt werden. Die damalige Beschreibung der Wohnung lautetete „In jedem Familienhaus sind vorhanden: 1 Wohnküche, 1 Wohnzimmer, in den Eckhäusern 2 ausgebaute Schlafzimmer, in den Mittelhäusern 1 ausgebautes Schlafzimmer und 1 unausgebaute Dachkamer. In jedem Haus befindet sich 1 Abort, Keller und Speicher, Wohnfläche ca. 70qm, dazu 200qm Garten. Für Waschgelegenheiten sind 4 Waschhäuser zwischen den Blocks eingebaut. Ein kleines Vorgärtchen vor jedem Haus schliesst sich mit der Strasse ab“. Für die Baugruppe II wählte man wiederum Reihenhäuser, die zu sogenannten Vierspänern zusammengefasse wurden. Hier entschloss man sich zu einer etwas aufgelockerten Bauweise mit 2 Giebelhäusern in Ost-West-Richtung und 2 Reihenhäusern in Nord-Süd-richtung als Verbindung. Die Häuser wurden vollständig unterkellert, so dass der Bau von oberirdischen Waschhäusern, wie sie in der Baugruppe I noch notwendig waren, entfiel. Im April 1921 war der Bauplan erstellt, im September eingereichtet und am 28.September bereits genehmigt. Im Frühjahr 1922 wurden die ersten Häuser bezogen, bis dann 1923 alle 8 Vierspänner mit ihrem 32 Wohnungen fertiggestellt waren. Zur Versorgung der Mitglieder wurde zwischen den Hausnummern32 und 34ein separates Milchhäusschen errichtet, das aber mit dem Bau des Milchladens in der Forstenriederstrasse ausgedient hatte. Die Bedingungen für den bezug und die Ausstattung der Häuser waren für die heutigen Verhätnisse unvorstellbar: Die Aussenanlagen musste jeder Mieter selbst gestalten. Die Häuser warennoch feucht und einfach ausgestattet: In der Küche ein Wasseranschluss mit gußeisernem Ausguß sowie ein Kohleherd zum Kochen und Heizen (Warmwasser im „Grandl“), kein Bad, aber ein Abort mit Wasserspülung, pro Zimmer eine 15Watt Glühbirne und kaum Steckdosen, Speicher und Keller ohne elektrische Versorgung, selbst die Malerarbeitenhatte jeder selbst zu besorgen. Eine gute Nachbarschaftshilfe war notwendig, um den noch in Bergen lagernden Aushub vom Hausbau un den Hummus zu verteilen.


Die Bebauung in der Kriegersiedlung fand 1925 ihren Abschluss mit 2 einstöckigen Mehrfamilienhäusern mit je vier Eingängen links und rechts am Ende der kleinen Privatstrasse. Es entstanden hiermit nochmals 32 Wohnungen; Im Erdgeschoss mit rund 48qm und im ersten Stock mit ca. 52qm. Auch diese Wohnungen waren spärlich ausgestattet: eine Lichtquelle jeweils im Raum, keine Steckdosen, ein Wasserhahn in der Küche, ein herd für die Befeuerung mit Holz und Kohle, im Keller die Waschküche mit heizbarem Wäschebottich und ein gemeinsames Bad.


Quer zu der bestehenden Bebauung waurden 1926 in der Forstenriederstrasse – der heutigen Albert-Roßhaupter-Strasse – 2 Häuser mit 13 Wohnungen, einem Milchladen, ein Kolonialwarenladen und das Genossenschaftsbüro erstellt. Die Wohnungen haben zwischen 72qm und 82qm und bestehen zum einen Teil aus 2 Zimmern, Wohnküche, Kammer und kleinem Abstellraum, zum anderen sind sie schon fast luxuriös zusätzlich mit Bad in den Wohnungen und Balkon ausgestattet. Ausserdem befand sich im Keller neben der Waschküche auch ein bad zur allgemeinen Benutzung. Aufrund der immer noch relativ guten finanziellen Lage entschloss sich die Genossenschaftsleitung. 1927 die Häuser Albert-Rosshauper-Strasse61-63 zu errichten. Architektonsich an der ersten bau angepasst, geben sie noch heute unserer Siedlung den Charakter einer geschlossenen Einheit. Verstärkt wird dieser Eindruck durch das Tor zwischen den beiden Wohnblöcken, das durch seine Funktionalität den Bewohnern der Siedlung in genialer Weise die Zusammengehörigkeit suggeriert. Die 1927 nur 8 Jahre bestehende genossenschaft konnte zu diesem zeitpunkt schon auf eine respektable Bautätigkeit zurückblicken:


Bei der Schlusabrechnung im Jahr 1927 waren bei ständig gestiegenen Baukosten und, wie erwähnt, dieser enormen Bautätigkeit die Finanzen aufgebraucht. An ein Weiterbauen war daher nicht zu denken. Bei der Errichtung der Baugruppe I und II wirkte sowohl bei der Finanzierung als auch bei der Bauaufsicht wesentlich die Landeshauptstadt München mit. Dieser Umstand wäre letzlich nicht so gravierend gewesen, wenn nicht trotz Protest vom Vorstand der Genossenschaft und von vielen Mitgliedern der Auftrag für den bau der Gruppe II einer Firma üerbtragen worden wäre, bei der man schon im voraus wusste, sie würde diese Massnahme nicht mehr vollziehen können. So war es dann auch: Die Baufirma ging i Konkurs. Dies hatte zur Folge, dass sich mehrere Firmen mit der Fertigstellung der Häuser bemühen mussten. Dieser unglückliche Beschluss des Stadtrates schädigte die Genossenschaftskasse sehr. In den ersten Jahren nach Bezug mussten schon erhebliche Mittel für reparaturen aufgebracht werden; verantwortliche Firmen waren nicht mehr heranziehbar. Mit den wesentlichen Bauteilen jedoch war ein baumeister am Werk, der sich in München mit renomierten Bauwerken einen Namen gemacht hatte: Der Baumeister Peter Schneider aus München hat unter anderem die St.Benno kriche, das Postgebäude in der Bayerstrasse und das Städtische Waisenhaus fertiggestellt. Nach einer Phae der finanziellen Erholung wurden 1934 die Häuser der Baugruppe I aufgestockt und somit 1. Etage mansardenfrei gestaltet.